Zunächst ein paar Worte zum
Völkerschlachtdenkmal (
Wikipedia-Eintrag). Als wir vom Parkplatz kommend das große freie Areal betraten, war es schon ein beeindruckender Anblick. Ich hatte das Gefühl, eine riesige Halle zu betreten. So muss sich wohl der Germane gefühlt haben, wenn er Valhalla (korrekt:
Walhall) betrat, jedenfalls war das meine spontane Assoziation. Die schiere Größe beeindruckt. Und die Stille.
Nun sind Denkmäler eine zweischneidige Angelegenheit: Sie erinnern an längst Vergangenes und halten es gewissermassen lebendig. Es gibt viele Denkmäler, die den Schrecken lebendig halten - in vielen Kirchen gibt es z.B. Grabstätten und es ist wirklich unangenehm, sich dort aufzuhalten. Vergangene Schrecken zu erhalten halte ich für keine gute Idee. Schliesslich sind sie vergangen und gehören auch in die Vergangenheit. Irgendwann sollte das dann mal aufgearbeitet und aufgelöst sein, damit man (d.h. die Menschheit) wieder frei davon ist. Nun ja, bei vielen Dingen sieht es noch nicht so aus, als wären sie wirklich aufgearbeitet und als wäre die Lektion gelernt, deshalb sind wohl auch die Denkmäler noch da.
Zurück zum Konzert. Ich hatte das letztes Wochenende erst in Andreas' Blog entdeckt und daraufhin
meinen Freund Samudra und seine Freundin als Geburtstagsgeschenk zum Konzert eingeladen. Nicht ganz uneigennützig - ich wollte ja auch irgendwie da hin und wieder zurück und habe kein Auto. Freitag abend rief er mich dann an und sagte: Alles klar, die beiden Kinder der Freundin sind untergebracht, es kann losgehen. Also hab' ich noch schnell ein Fax an
Volker Lauckner geschickt mit einer Vorbestellung von 4 Karten.
Wir kamen pünktlichst in Leipzig an, standen kurz vor 20.30 an der Abendkasse. Meine Bestellung war auch registriert - alles prima. Der untere Teil der Kuppel war schon voll, deshalb gingen wir direkt nach oben. Etwas überrascht war ich vom Anblick, denn ich hatte irgend eine Art Stühle oder so erwartet. Der obere Teil der Krypta ist aber ein quadratischer Raum, in jeder Ecke sitzt eine riesige Statue und in der Mitte ist ein großes Loch mit einer Mauer drumrum. Um dieses Loch standen die Besucher und schauten einige Meter nach unten auf die „Bühne”.
Es waren vielleich 5-10 Leute „zu viel” da, sonst hätten alle am Rand Platz gefunden. So mussten einige (inkl. mir) mit einem Platz am Fuss einer Statue vorliebnehmen, konnten also direkt nichts sehen. Der Akustik hat das allerdings nicht geschadet - die ist in diesem Raum einfach genial. So konnte ich mich einigermassen gemütlich hinsetzen und mich ganz auf den Klang konzentrieren.
Die Künstler hatten allerlei ungewöhnliche Instrumente am Start. Das gesamte Arrangement war auch ein Treffen individueller Künstler. Es war kein Orchester im herkömmlichen Sinn, sondern eine Aneinanderreihung von Einzeldarbietungen, wobei zum Teil zwei oder mehr Instrumente verknüpft wurden. Eine sehr schöne Idee, denn ein Künstler allein könnte den Abend nicht füllen und man muss ja auch nicht auf Krampf irgendwie die verschiedenen Instrumente zusammenmischen. Andreas verriet mir danach, dass man sich einmal getroffen hätte und ausprobiert, was zusammen klingt und das war's. Sehr schön! Jeder bringt das ein, was er kann und man hat einfach eine gute Zeit miteinander.
Eher noch bekannt sind Gongs. Die Ausmaße des größten von Volker Lauckner mitgebrachten Exemplars waren beachtlich (
Update: Andreas sagte mir letztens, der hätte 1,50m Durchmesser). Bezeichnenderweise hiess dieses auch „Kosmos”. Als er darauf spielte, war es eine sehr intensive Erfahrung. Beim ersten Mal saß ich „im Hintergrund” auf dem Sockel einer Statue und ging in mich. Wie von selbst entstanden Bilder des Univsersums in mir, ich sah den gesamten Kosmos! Das war gewaltig! Es jagte mir einen Schauer nach dem anderen durch den Körper, ich hatte das Gefühl, das mit gesteigerter Intensität des Spiels immer neue Ebenen entblättert wurden.
Dabei fällt mir noch eine andere Wahrnehmung ein. Kurz vor Beginn des Konzerts, als für eine Minute das Stimmengewirr abnahm (vermutlich waren die Künstler auf der Bühne erschienen), konzentrierte ich mich auf das Gesamtbild. Ich liess meine Aufmerksamkeit weit werden, nahm die Krypta wahr und die Menschen, die sich darin befanden, die Bewusstseinsfunken. Dabei konnte ich die Einheit wahrnehmen, das gemeinsame Moment, Frieden, Stille. Das war sehr wohltuend. Meiner Meinung nach könnte das Denkmal umbenannt werden. Von der Völkerschlacht ist dort zum Glück nichts mehr zu spüren, es fühlt sich alles klar an und still. Sehr angenehm.
Andreas Brinsa hatte ein Sortiment an Percussion-Instrumenten mitgebracht. Djemben, Bongos uvm. Kurz vor Schluss begleitete er Jan Heinke am Didgeridoo - das rhythmischste und mitreißendste Stück des Abends. Ansonsten begleitete er andere Künstler sehr zurückhaltend.
Die anderen Stücke waren eher besinnlich, zum Geniessen, zum Klang nachspüren, sehr minimal konnten hier die einzelnen Instrumente ihre charakteristischen Klänge entfalten.
Wie zum Beispiel das Stahlcello von Jan Heinke. Ein offensichtlich selbst gebautes Instrument, das man auf den ersten Blick für moderne Kunst halten würde. Eine geschwungene Metallplatte, schwebend aufgehängt an einem Gestell und zwei antennenähnliche Anbauten, die mit dem Bogen in Schwingung versetzt werden. Es entstehen dabei sehr interessante Klänge.
Um gleich noch beim Repertoire von Herrn Heinke zu bleiben: Der Obertongesang war ebenfalls beeindruckend. Das hat mir gezeigt, dass meine bisherigen Versuche nicht viel mehr waren als das. Man kann tatsächlich Oberton richtig singen, mit Melodien usw. Am besten gefiel mir das letzte Stück. Es entstammte meiner Meinung nach dem sakralen Gesang und ist relativ bekannt. Vermutlich eine klassische Kirchenmusik, die Jan zweistimmig sang. Am Ende des Stücks konnte ich deutlich das „A-men” in der Obertonstimme hören. Virtuos! Vielen Dank!
Das letzte von Jan dargebotene Instrument war das Langhorn. Als er es spielte musste ich spontan denken: „Der Vorteil an einem unbekannten Instrument ist, dass niemand im Publikum weiss, wie es klingen 'muss'. Der Künstler hat also alle Freiheit.” Denn einige Töne waren schon sehr merkwürdig und ungewöhnlich. Bei einer Geige oder Trompete, wo man eine ungefähre Vorstellung hat, wie die „normalerweise” klingt, fällt es uns auf, wenn der Künstler „schräg” spielt oder einfach etwas Neues probiert. Bei einem völlig unbekannten Instrument haben wir keine Referenz und können deshalb unvoreingenommen zuhören. Über eingige Klänge habe ich mich trotzdem gewundert und mich gefragt: „Muss das so?”
Auch neu für mich war die Steeldrum von Volker Lauckner. Ich habe mir die nach dem Konzert aus der Nähe angesehen (es war überhaupt sehr schön, dass die Künstler danach nicht verschwunden sind, sondern dass man mit ihnen reden konnte, Fragen stellen zu den Instrumenten und sogar anfassen und ausprobieren war erlaubt). Das Steeldrum sieht aus wie eine oben eingedrückte Trommel und besteht komplett aus (Stahl)Blech. In die Eindellung oben sind noch einmal verschiedene „Dellen” eingearbeitet, die beim Anspielen verschiedene Töne abgeben. Auf den Dellen waren sogar die Töne beschriftet - es handelte sich um eine Variante für den Profi-Musiker, d.h. industriell hergestellt (die Originale werden wohl in Afrika aus alten Ölfässern hergestellt und mit Hämmern ausgedellt und gestimmt). Mit kleinen Klöppeln (heissen die so?) gespielt, ergibt sich ein sehr schöner, runder, zarter Klang, was ich von einer „Blechtrommel” eher nicht erwartet hätte.
Und dann gab es noch den chinesischen Gastmusiker Lu, Tian Guo. Der ist vermutlich erst später zum Team dazugestossen, denn auf der offiziellen Website wird er gar nicht erwähnt. Seine Darbietung mit der chinesischen Geige war wirklich genial. Ich sass wieder auf dem Sockel der Statue und fühlte mich sofort nach China versetzt. Vielleicht war ich mal eine Geisha? Jedenfalls bewirkten die Klänge bei mir einen starken Bewegungsdrang. Irgendwie hat dieser Klang etwas Berührendes. Sein zweites Instrument war die Kürbisflöte.
Zu guter Letzt noch Andreas mit seinem Klangstein. Ich suche gerade nach Worten, um dieses Instrument zu beschreiben. Als ich Andreas darauf spielen sah, ... er streichelte den Stein. Es war Hingabe, nicht so direkt ein Spielen, mehr ein Kitzeln. Er strich einfach immer wieder über den Stein, kommunzierte mit diesem. Im Gespräch erzählte er mir danach, dass man einfach nur darüber streichen müsste, nichts wollen dürfe. Und das der Stein ein Eigenleben hat, sich verändert, je nach Ort, je nachdem, wie lange man spielt usw. Also in diesem Sinne würde ich das gar nicht als Instrument bezeichnen. Ich habe selbst versucht, dem Stein Töne zu entlocken, es ist mir aber nicht gelungen. Das Grundprinzip ist wie beim singenden Weinglas. Man befeuchtet seine Hände und streicht dann einfach über den Stein.
Insgesamt war es ein sehr schönes Erlebnis. Durch die gute Akustik der Krypta wurde kaum elektronische Verstärkung benötigt (laut Andreas nur der Klangstein, da der sehr klein ist). Es war alles live und direkt. Bei Lex van Someren in Dresden war mir die Elektronik ja etwas negativ aufgefallen, das war diesmal deutlich besser. Die meisten Mikros standen wohl nur für die Aufnahme zur Produktion der CD herum. Richtige Boxen (außer ein paar Monitor-Boxen) habe ich gar nicht gesehen.
Bei Gelegenheit werde ich nochmal nach Leipzig fahren und mir etwas Zeit für diesen speziellen Ort nehmen, vielleicht mal selbst die Akustik der Krypta testen und ein paar Obertöne auf den Weg schicken.
Nachtrag: Im Artikel mit Nummer
42 darf natürlich eine Referenz auf
Douglas Adams nicht fehlen.
Aufgenommen: Mai 28, 14:20
... wollte danach noch nach Adorf zu einem Konzert „Klangwunder” mit Berndt-Michael Rassenberg und Volker Lauckner, den ich schon einmal beim Konzert „inside the bell” im Völkerschlachtdenkmal in Leipzig erlebt hatte. ...
Aufgenommen: Aug 17, 14:48