Der folgende Artikel erschien in der Zeitschrift Lebens(t)räume, Ausgabe 04/2008 vom 20.4.2008. Ich veröffentliche ihn hier in leicht veränderter Form.
Unwinding: Innere Ent-Wicklung
von Tino Emanuel Schwarze
Dr. Royster wies im ersten Teil der Serie zur Cranio-Sacral-Therapie bereits auf die Basis der cranio-sacralen Arbeit hin: „Heilung kommt von innen”. Aufgabe des Behandlers ist es demnach, die Heilung gewissermassen aus dem Inneren heraus zu locken. Aber was versteht man eigentlich unter dem vielverwendeten Begriff „Heilung”? Heilung bezeichnet den Prozess der Heil-Werdung, das Wort „heil” bedeutet „ganz” (engl.: whole), Heilung also Ganz-Werdung, auch Vervollständigung.
Damit es einer Heilung überhaupt bedarf, muss demnach zunächst eine Abspaltung = Teilung erfolgt sein. Nur etwas Geteiltes kann wieder zum Ganzen werden. Alle scheinbar abgespaltenen Teile des Gesamtwesens „Mensch” möchte ich als Trauma bezeichnen. Ich schreibe bewusst „scheinbar abgespalten”, da es aus der Perspektive des Einheitsbewusstseins keine Trennung gibt. Entscheidend ist jedoch die individuelle Wahrnehmung (als wahr angenommene Realität). Hier nimmt der Behandler eine Wegweiserfunktion ein, indem er die aus Sicht des Behandelten abgespaltenen Aspekte durch seine Wahrnehmung als zu diesem zugehörig an-erkennt und diese damit zur Re-Integration ermuntert (was paradox ist, da die Aspekte nicht wirklich abgespalten sind). Es obliegt dann dem Bewusstsein des Behandelten, diese Wahrheit anzunehmen und die betreffenden Aspekte damit zu integrieren, d.h. als ereits integriert zu erkennen.
Das Spektrum an Traumata ist vielfälig: Vom relativ bekannten Schleudertrauma, also einer Kombination aus körperlichem und emotionalen Trauma über einschneidende Erfahrungen mit Naturgewalten, Auseinandersetzungen mit anderen Menschen bis hin zu sehr subtilen Traumata wie unangenehmen Äußerungen, „bösen Blicken” usw.. Damit ein Trauma entstehen kann, bedarf es einer gewissen Unbewusstheit bzw. einer inneren Abwehr gegen das aktuelle Geschehen.
Während bei tatsächlichen physischen Teilungen (z.B. Verlust von Körperteilen) eine Heilung recht unwahrscheinlich erscheint(!), gibt es subtilere Formen der Abspaltung, die sich wieder beheben lassen, da sie sich noch auf feineren Ebenen der Existenz befinden (emotional, mental, spirituell, ...) und noch nicht in der Physis manifestiert sind. Typische Beispiele innerer Abspaltungen sind verdrängte Erlebnisse, Gedanken und Gefühle, aber auch leichte körperliche Verletzungen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Mann arbeitet auf einer Baustelle und klettert ein Gerüst hinauf. Er ist unachtsam und stösst sich am Kopf, schenkt jedoch seiner Verletzung und den damit einhergehenden Schmerzen keine Beachtung und konzentriert sich weiter auf seine Arbeit. Durch diese Unaufmerksamkeit bezüglich der tatsächlichen Ereignisse entsteht ein Trauma, denn er widmet dem Geschehen nicht die angemessene Aufmerksamkeit. Energetisch betrachtet wurde dem Körper Energie zugeführt und diese nicht wieder bewusst ausgeglichen. Es entstand ein zunächst kleiner Energiestau, der vom Körper automatisch kompensiert wurde, z.B. durch Muskelverspannungen, leichte Bewegungseinschränkung des Kopfes o.ä. Mit der Zeit können aus solchen kleinen Energiestaus ernsthafte Beschwerden und Behinderungen werden.
Wird einem Trauma nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt, so wird es mit der Zeit immer mehr „eingepackt”, d.h. es wird immer mehr Energie angestaut, vergleichbar mit einem Stein in einem Bach: Zunächst liegt nur ein Stein und das Wasser fliesst herum, es bilden sich Wirbel. Bald bleibt noch ein Ast hängen, dann weitere Steine usw. Entfernt man die Störungen nicht, kann irgendwann der ganze Bach angestaut werden, das Wasser wird brackig, verteilt sich dann in die Umgebung und der untere Teil des Bachlaufs trocknet aus.
Mit Unwinding bezeichnet man in der cranio-sacralen Arbeit die Auflösung (Aus-Wicklung) von Traumata. Durch die gezielte Aufmerksamkeit des Behandlers bekommt der Körper (bzw. das Gesamtsystem Mensch) die Möglichkeit, sich aus dem Trauma zu befreien. Dabei gilt: „Das System weiss, wie es in das Trauma hineingekommen ist, also weiss es auch, wie es wieder herauskommt.”
Dem Behandler obliegt es, auf die Unwinding-Impulse zu achten und diesen zu folgen, er schafft und hält einen Raum der Geborgenheit und Sicherheit und entlastet die betreffenden Körperstrukturen, z.B. indem er den Kopf komplett hält und damit dem Hals- und Nackenbereich Gelegenheit zur Entspannung gibt. Kommen Impulse aus dem Körper, folgt der Behandler diesen langsam und aufmerksam, er dreht z.B. den Kopf leicht oder neigt diesen - wie auch immer der Impuls aussehen mag. Damit erhält der Mensch die Gelegenheit, entspannt, in Ruhe und in einem geschützten Raum das Trauma wirklich zu durchleben und sich selbst die nötige Aufmerksamkeit zu geben, um das Verdrängte zu integrieren und damit den Energiestau zu lösen. Da der Behandler keinen Druck ausübt, geschieht auch nur genau so viel, wie der Behandelte verträgt; oft genügt eine Erinnerung, ein Gefühl oder eine Erkenntnis, um ein Trauma zu lösen. Ein Unwinding lässt sich nicht erzwingen, es geschieht einfach, wenn die individuellen Rahmenbedingungen stimmen.
Ähnlich wie man einen Knoten nicht durch Ziehen und Zerren auflöst, sondern durch Lockern, Beobachten und mit Geduld, werden mit Unwinding sanft und leicht Traumata aufgelöst.
In diesem Sinne: Seien Sie achtsam mit Ihrer Aufmerksamkeit und schenken sie diese dem Wichtigsten in Ihrem Leben - sich selbst.